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ÖIF - C1 - Lesen Aufgabe 2 - Österreichisches Deutsch

Lesen Sie die 10 Überschriften und die 5 Texte. Ordnen Sie dann den Texten (6-10) die passende Überschrift (A-J) zu. Pro Text passt nur eine Überschrift.

A EU strebt Gleichstellung deutscher Standardvarietäten an
B Mit Bedacht kreierte Kunstnamen als Erfolgsgarant
C Beliebtheit österreichischer Lebensmittelbezeichnungen in Deutschland steigt
D Produktnamen als allgemeine Bezeichnung etabliert
E Markt verlangt Schriftstellern sprachliche Anpassungen ab
F Wissenschaftler angesichts des rasanten Sprachwandels besorgt
G Experten loben Schulen als Vermittler des österreichischen Deutsch
H Sprachliche Vielfalt - ein altbekanntes Phänomen
I Nationale Warenbezeichnungen sollen für mehr Umsatz sorgen
J Aufwertung des österreichischen Deutsch beginnt im Unterricht

(6) Wie wäre es mit Soletti zum Knabbern oder einer Schwedenbombe als süße Zwischenmahlzeit? Während sich mancher bundesdeutsche Staatsbürger womöglich fragt, von welchen Lebensmitteln hier die Rede ist, wissen die meisten Österreicher sehr genau, was ihnen da angeboten wird. Vielen dürfte aber unbekannt sein, dass die Begriffe „Soletti" für dünne Salzstangen und „Schwedenbombe" für Schaumküsse ihren Ursprung in Handelswaren österreichischer Firmen haben. Aufgrund deren Marktdominanz in Österreich und dem damit einhergehenden hohen Bekanntheitsgrad haben die Begriffe auch Eingang in die österreichische Alltagssprache gefunden, indem sie zur Benennung dieser Lebensmittel herangezogen werden - unabhängig davon, ob es sich tatsächlich um Waren der besagten Marke handelt. Gleiches gilt für den Begriff „Tixo", der auf ein transparentes Klebeband des Wiener Traditionsbetriebs Kores zurückgeht und unter anderem auch in Bulgarien für jede Art von Klebeband verwendet wird.

(7) In Österreich ist Deutsch als Staatssprache verankert, jedoch weicht die hier verwendete Standardvarietät teilweise von jener in Deutschland ab, besonders was den Wortschatz betrifft. Die Abweichungen treten für die Bevölkerung wohl am deutlichsten bei der Benennung von Nahrungsmitteln zutage, beispielsweise werden in Österreich „Marillen", „Karfiol" und „Kren" auf dem Markt angeboten, wohingegen in Deutschland „Aprikosen", „Blumenkohl" und „Meerrettich" zu finden sind. Die Auswirkungen dieser vermeintlich kleinen Unterschiede sind jedoch nicht zu unterschätzen: Rund zwei Drittel der österreichischen Lebensmittelerzeugnisse sind für ausländische Absatzmärkte bestimmt, allen voran für Deutschland als Hauptabnehmer. Heimische Produkte stehen bei den deutschen Kunden insbesondere aufgrund ihrer hervorragenden Qualität hoch im Kurs. Exportorientierte Unternehmen, die sich das zunutze machen möchten und auf den - verglichen mit Österreich - weitaus größeren deutschen Markt drängen, versehen ihre Waren daher oftmals mit den dort üblichen Benennungen.

(8) Das in Österreich verwendete Standarddeutsch ruft bei bundesdeutschen Bürgern häufig klischeehafte Assoziationen hervor und wird teilweise sogar belächelt. Gleichzeitig empfinden immer mehr Österreicher - insbesondere der jungen Generation - das hierzulande vorherrschende Deutsch als weniger prestigehaft, wohingegen die norddeutsch geprägte Standardvarietät gemeinhin als „korrekter" bewertet wird. Wie die Wissenschaftler Rudolf de Cillia und Jutta Ransmayr im Rahmen einer Erhebung feststellen konnten, orientieren sich Jugendliche in ihrem Sprachgebrauch zunehmend an letzterer. Als Ursache dafür vermuten die Linguisten den Medieneinfluss: Bücher und Zeitschriften werden vorwiegend in Deutschland verlegt und die meisten Filme und Fernsehsendungen werden ebenso dort produziert und synchronisiert. In Anbetracht dessen weisen de Cillia und Ransmayr auf die Aufgabe von Bildungseinrichtungen hin, sprachliche Vielfalt nicht nur zu thematisieren, sondern auch ein Bewusstsein für sprachliche Varietäten und diesbezügliche Einstellungen zu schaffen. Auf diese Weise könne das Selbstbewusstsein hinsichtlich des in Österreich vorherrschenden Standarddeutsch gestärkt werden.

(9) Mit mehr als 95 Millionen Muttersprachlern ist Deutsch die meistgesprochene Erstsprache in der Europäischen Union. Zwar ist es die offizielle Landessprache in mehreren Staaten, aber rund 85 % der Muttersprachler leben in Deutschland. Diese unverhältnismäßige Verteilung führt der Linguistin Regula Schmidlin zufolge zu einer Asymmetrie in der deutschen Sprache, wonach Deutschland eine Vormachtstellung einnimmt. Diese Dominanz spiegelt sich auch darin wider, dass nicht nur die meisten Verlagshäuser, die in deutscher Sprache publizieren, in Deutschland ansässig sind, sondern auch der Großteil des Lesepublikums. Da überrascht es nicht, dass im gesamten deutschsprachigen Raum in bundesdeutscher Standardsprache verfasste Werke dominieren, wohingegen der österreichischen und der Schweizer Varietät des Deutschen weitaus weniger Bedeutung zukommt. Durch dieses Ungleichgewicht sehen sich Österreicher, die eine Publikation bei einem bundesdeutschen Verlag anstreben, nicht selten dazu gezwungen, in ihren Werken als neutraler angesehene bundesdeutsche Begriffe zu wählen.

(10) Während so mancher österreichische Staatsbürger den Verfall des österreichischen Deutsch beklagt, weisen Linguisten wie Manfred Glauninger von der Universität Wien darauf hin, dass Sprache ständiger Veränderung unterworfen ist. Diese sei mitunter auf den Einfluss von Fernsehen und Internet zurückzuführen, aber auch durch politische und wirtschaftliche Gegebenheiten bedingt. Insbesondere die Globalisierung beschleunige den Sprachwandel enorm, wobei die Veränderungen im Wortschatz wohl am offensichtlichsten zutage treten. Dabei kann es zu Übernahmen aus anderen Varietäten des Deutschen kommen, aber genauso aus anderen Sprachen, die u. a. über Migranten in Österreich Fuß fassen. Diese Entwicklung ist keine Neuheit in der österreichischen Sprachlandschaft: Bereits zur Zeit der Monarchie kam es im Vielvölkerstaat Österreich-Ungarn zu Sprachkontakt und wechselseitigem Austausch von Sprachmaterial. Der Einfluss anderer Sprachen oder Varietäten und damit einhergehende Veränderungen sind demnach etwas völlig Natürliches und Glauninger zufolge vielmehr als kommunikative Ressource denn als Bedrohung zu sehen.

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