Übung im Format des TestDaF, Leseverstehen Aufgabe 3. Lesen Sie den Text und entscheiden Sie bei jeder Aussage, ob sie zutrifft, nicht zutrifft oder ob der Text dazu nichts sagt.
Fälschern auf der Spur
Auf dem internationalen Kunstmarkt werden Summen bewegt, die mit dem Materialwert eines bemalten Stück Leinwands nichts mehr zu tun haben. Wo so viel Geld im Spiel ist, sind Nachahmer nicht weit - und sie sind keineswegs erfolglos. Fachleute gehen davon aus, dass in namhaften Sammlungen etliche Bilder hängen, die nicht von dem Meister stammen, dessen Name auf dem Schild steht. Erkannt wird das oft erst nach Jahrzehnten, manchmal gar nicht.
Wer ein Bild prüfen will, kommt am Urteil erfahrener Kunsthistorikerinnen und Kunsthistoriker bis heute nicht vorbei. Museen und Auktionshäuser holen es routinemäßig ein, auch wenn es teuer ist und Wochen dauert. Was sich verändert hat, ist nicht die Bedeutung dieses Urteils, sondern die Zahl der Verfahren, die daneben getreten sind: chemische Analysen der Farbschichten, physikalische Altersbestimmungen des Bildträgers und, seit einigen Jahren, statistische Auswertungen digitaler Aufnahmen.
Die Idee, Fälschungen an Kleinigkeiten zu erkennen, ist allerdings älter als jede dieser Techniken. Der italienische Arzt und Kunstkenner Giovanni Morelli entwickelte im 19. Jahrhundert ein Verfahren, das ihm zunächst viel Spott einbrachte. Morelli sah nicht auf das, was ein Bild vorführt - nicht auf die Komposition, nicht auf die Gesichter, nicht auf den Gesamteindruck. Er sah auf das Nebensächliche: auf Ohrläppchen, Fingernägel, Zehen, auf Falten am Handgelenk. Seine Überlegung war einfach. Gerade diese Teile malten die Meister früherer Jahrhunderte nicht mit Bedacht, sondern beiläufig, aus jahrelanger Gewohnheit heraus - und eben deshalb immer auf dieselbe, unverwechselbare Weise. Ein Nachahmer kopiert die Komposition mit Sorgfalt; das flüchtig hingesetzte Ohr aber verrät ihn. Berühmt wurde Morelli, als er in Dresden ein Bild einer schlafenden Venus untersuchte, das man lange für die Kopie eines verschollenen Werks gehalten hatte. Morelli wies nach, dass es sich um das Original von Giorgione handelte. Die Zuschreibung gilt bis heute.
Was Morelli mit bloßem Auge tat, erledigt inzwischen der Rechner, und er tut es mit Zahlen. Ein hochauflösendes Foto wird in Millionen von Bildpunkten zerlegt; aus deren Helligkeits- und Farbwerten lassen sich Kennzahlen berechnen, die Richtung, Länge und Druck der einzelnen Pinselstriche beschreiben. Fachleute nennen dieses Vorgehen „digitale Stilometrie", in Anlehnung an ein Verfahren, mit dem man in der Literaturwissenschaft anonyme Texte ihren Verfassern zuordnet. Untersucht wird dabei nicht das Motiv, sondern die Handschrift des Pinsels.
Ein früher Erfolg dieser Richtung betrifft die Tropfbilder von Jackson Pollock. Der Physiker Richard Taylor konnte zeigen, dass die scheinbar willkürlich verspritzte Farbe der Originale einer messbaren Ordnung folgt: Dieselben Strukturen wiederholen sich auf großem wie auf kleinem Maßstab, und der zugehörige Kennwert bleibt über das ganze Bild hinweg erstaunlich konstant. Genau das gelingt Nachahmern nicht. Ihre Nachbildungen wirken auf den ersten Blick ähnlich, zerfallen in der Messung aber in ein Durcheinander wechselnder Werte.
Denselben Weg ging eine Arbeitsgruppe, die Zeichnungen Pieter Bruegels des Älteren untersuchte und ihre Ergebnisse in einer Fachzeitschrift veröffentlichte. Von dreizehn Blättern galten acht als gesichert, fünf als Arbeiten späterer Nachahmer. Ohne dass die Forscher gewusst hätten, welches Blatt zu welcher Gruppe gehört, ordneten ihre Kennzahlen die acht Originale eng beieinander an. Die fünf Nachahmungen dagegen ergaben kein gemeinsames Muster; jede fiel auf ihre eigene Weise aus dem Rahmen. Dass sich Fälschungen nicht durch eine bestimmte Eigenschaft verraten, sondern durch das Fehlen von Regelmäßigkeit, ist das eigentlich Bemerkenswerte an diesem Befund - und zugleich der Grund, warum kein Verfahren allein je genügen wird.
Beispiel (01) Fälscher versuchen vergeblich, an den hohen Umsätzen des Kunsthandels teilzuhaben. → Nein
Beispiel (02) Auch physikalische Verfahren werden zur Prüfung von Bildern eingesetzt. → Ja
21 Bildanalysen lässt man heute kaum noch von Kunstexperten durchführen, weil inzwischen billigere Methoden gefunden wurden.
22 Morelli richtete seine Aufmerksamkeit auf die auffälligsten Teile eines Bildes.
23 Maler früherer Jahrhunderte führten Körperteile wie Ohren mit besonderer Sorgfalt aus.
24 Morelli konnte nachweisen, dass es sich bei dem Gemälde einer schlafenden Venus um ein Original handelte.
25 Morellis Erfolg überzeugte auch die Gegner seiner Methode.
26 Fälschungen werden heute auch mithilfe von Berechnungen aufgedeckt.
27 Taylor fand heraus, dass die Muster in den Pollock-Originalen ungeordneter sind als in den Nachbildungen.
28 Die „digitale Stilometrie" untersucht die Eigenheiten der Pinselführung.
29 Die in der Fachzeitschrift veröffentlichte Studie fand weltweit große Beachtung.
30 Die nachgeahmten Bruegel-Zeichnungen fielen dadurch auf, dass ihre Messwerte kein einheitliches Muster ergaben.
