Lesen Sie den folgenden Text. Beantworten Sie dann die Fragen 16-25. Es kann sein, dass es für eine oder mehrere Aufgaben keinen passenden Textabschnitt gibt. In diesem Fall wählen Sie x.
Im Irrgarten der Intelligenz. Ein Idiotenführer.
Von Hans Magnus Enzensbergera Öffnen wir den Intelligenz-Container einen Spalt weit und lassen die Eingeschlossenen frei. Als erste stellen sich vor: der Vernünftige, begleitet von seinem kleinen Bruder, dem Verständigen, und gefolgt vom Klugen, vom Einsichtigen und vom (Erz- oder auch Blitz-)Gescheiten. Es dürfte auf der Hand liegen, daß es sich dabei keineswegs um Synonyme handelt. Dieses Melderegister der Container-Insassen kann natürlich keinerlei Vollständigkeit für sich beanspruchen.
b Die Frage, wer das I-Prädikat nicht verdient, läßt eine enorme Zahl von Antworten zu. In der Negation zeigt sich erst die Fülle dessen, was man in früheren Zeiten die menschlichen Geistesgaben nannte. Ein weites und reich bestelltes Feld eröffnet sich, wenn statt von der Intelligenz von ihrer Abwesenheit die Rede ist. Auch für die Dummheit nämlich gibt es kein Wort, das der Vielfalt der Erscheinungen gerecht werden könnte. Wir müssen uns hier, statt die subtilen Unterscheidungen, die da zu treffen wären, gebührend zu würdigen, mit einer schlichten Auflistung des Materials begnügen: (stroh-, sau-, stock-, brunz-)dumm; blöde; dämlich; dusselig; stupide; unbedarft; trottelhaft; dickfellig; tolpatschig; minderbemittelt; hirnlos; doof; unterbelichtet; geistlos; beknackt; bekloppt; behämmert; töricht; schwer von Begriff; dumpf; verschnarcht; begriffsstutzig; verblödet; plemplem; idiotisch. Darüber hinaus können wir auf ein enormes Repertoire von idiomatischen Wendungen zurückgreifen, als da sind: Er ist auf den Kopf gefallen; kann nicht bis drei zählen; ist nicht ganz dicht; hat eine weiche Birne; einen Dachschaden; eine lange Leitung; einen Hau; einen Stich; einen Knall; einen Vogel; ein Brett vorm Kopf; einen Sprung in der Schüssel; ist nicht ganz bei Trost; ist von allen guten Geistern verlassen; hat nicht alle Tassen im Schrank; tickt nicht richtig. Bei ihm piept es; ist eine Schraube locker. Er spinnt; ist jeck; gaga; meschugge; balla balla. Auch an einschlägigen Substantiven herrscht kein Mangel. Der oder jene nämlich gilt als Dumm-, Schwach-, Hohl-, Flach-, Wirr-, Dös-, Holz-, Stroh-, Schafs-, Knall- oder Plattkopf; Dödel; Depp; Dumpfbacke; Dussel; Dummerjan; Dämlack; Dummbeutel; (Voll-)Trottel; Einfaltspinsel; Pfeife; Blödian; Schussel; Flasche; Simpel; Nulpe; Gimpel; Blödian; (Voll-, Fach-)Idiot; Spatzenhirn; Schafsnase; Zicke; Pute; Gans; Rindvieh; (Horn-)Ochse; Kuh; Esel; Gorilla; Kamel.
c Dreierlei fällt an dieser Liste auf. Zum einen ist das Vokabular, das zur Verfügung steht, wenn es um Defizite geht, weit umfangreicher als jenes, das unsere vorteilhafteren Gaben beschreibt. Zwar werden auch die nicht unkritisch gesehen; an allerhand Vorbehalten fehlt es nicht; auch Neid und Häme spielen eine Rolle. Dort, wo es um die Dummheit geht, herrscht aber durchgehend ein beleidigender Ton.
d Zweitens scheint es den meisten, die ihren Ärger oder ihre Verachtung für die Dummen ausdrücken wollen, schwerzufallen, zwischen Alltag und Klinik zu unterscheiden. Das gängige Vokabular neigt dazu, Krankheit und Dummheit in einen Topf zu werfen. Unklar bleibt, ob es einem, der „nicht alle Tassen im Schrank" hat, nur an Klugheit fehlt, oder ob es sich um einen Fall für die Psychiatrie handelt. Durch die Bank ignoriert werden die oft sehr beträchtlichen geistigen Fähigkeiten schizophrener oder autistischer Patienten. Obwohl solche Menschen oft nur einen IQ von 50 erreichen, erbringen manche von ihnen sensationelle Leistungen. Dieses Phänomen hat es sogar zu einem wissenschaftlichen Namen gebracht: Man nennt es das „Savant-Syndrom". Ein idiot savant ist zum Beispiel in der Lage, auf Anhieb riesige Zahlen daraufhin zu prüfen, ob sie prim sind, oder er spielt mühelos eine Sonate nach, die er nur einmal gehört hat.
e Und drittens gibt die Hartnäckigkeit zu denken, mit der alle möglichen Tiere zum Vergleich herangezogen werden, ganz so, als hätte die Evolution außer uns nur bedauernswerte Mängelwesen hervorgebracht. Merkwürdig, daß das vieltausendjährige Zusammenleben mit Hund, Schaf, Rind, Ziege, Pferd und anderen Gefährten die Menschheit nicht eines Besseren belehrt hat, ganz zu schweigen von unserer näheren Verwandtschaft, den Primaten.
f Dabei sind es ja nicht nur die uns nahestehenden Tiere, die eindrückliche Leistungen vollbringen. Ein Mensch, der versucht, sich mit einem Stadtplan in der Hand zu orientieren, wirkt hilflos im Vergleich mit der erstbesten Schwalbe, weil deren winziges Gehirn ein phantastisch effektives Navigationssystem beherbergt, mit dessen Hilfe sie unfehlbar über riesige Distanzen hinweg ihren Weg findet. Sogar die bescheidene Stubenfliege ist imstande, dem verärgerten Jäger mit der Klatsche immer wieder zu entkommen, weil sie über ein beneidenswertes System der Koordination und über ein Reaktionsvermögen verfügt, dem wir nichts Vergleichbares entgegenzusetzen haben.
g Bei all diesen Debatten spielt jedoch ein ganz anderes, vielleicht noch fundamentaleres Defizit der Intelligenzmessung eine Aschenputtel-Rolle. Um es zu beschreiben, genügt eine ganz einfache Umkehrung der Perspektive. Wir stellen uns die folgende Versuchsanordnung vor. Ein beliebiger Forscher aus Stanford, London oder Berlin wird mit einer der folgenden Personen konfrontiert, die seine Intelligenz einschätzen sollen: a) mit einem Inuit aus Grönland, b) mit einem Indio aus dem Amazonasbecken, c) mit einem Seefahrer aus Polynesien. Es gehört wenig Phantasie dazu, um zu erraten, wie ein solcher Test ausfiele. Unser Experte wäre hoffnungslos überfordert. Schon daß er es mit Analphabeten zu tun hätte, würde ihn wahrscheinlich irritieren. Vollends verstört wäre er, wenn diese Leute seine geistigen Fähigkeiten daraufhin überprüfen würden, ob sie ausreichten, Tausende von Pflanzen zu unterscheiden, Fährten zu lesen oder tiefe Strömungen an winzigen Nuancen der Meeresoberfläche zu erkennen. Die Blamage wäre eklatant.
h Eine Ahnung von der entscheidenden Bedeutung kultureller Unterschiede hat die Intelligenzforscher gelegentlich beschlichen, so zum Beispiel John C. Raven, der 1956 einen sogenannten Matrizentest entworfen hat, um sprachliche oder kulturabhängige Fehlerquellen bei der Messung auszuschließen. Ihm war jedoch, wie allen ähnlichen Versuchen, kein Erfolg beschieden.
i Ein weiterer Experte, der neuseeländische Forscher James R. Flynn, hat 1987 eine aufsehenerregende Entdeckung gemacht. Er studierte die Testergebnisse, die verschiedene Populationen in den zurückliegenden sechzig Jahren erzielt haben, und stellte fest, daß sie sich in allen Ländern, für die es gesicherte Daten gibt, verbessert haben, und zwar um durchschnittlich drei Punkte pro Jahrzehnt und um fünf bis fünfundzwanzig Punkte in jeder Generation. Dieser sogenannte „Flynn-Effekt" hat die Gelehrten zum Grübeln gebracht. Vergrößerung des Schädeldaches? Höhere Komplexität der Zivilisation? Längere Schulbildung? Bessere Ernährung? Stärkere Mediennutzung? Fortschritte der Medizin?
j Auch hat es nicht an Stimmen gefehlt, die das offenbar unaufhaltsame Wachstum unserer Gehirnleistungen auf einen schlichten Feedback-Mechanismus zurückführen. Ihnen ist nämlich aufgefallen, daß die Probanden schon deshalb immer schlauer werden, weil jeder aufgeweckte Zwölfjährige heutzutage mit den Testroutinen vertraut ist, ebenso, wie der gewitzte Schüler seinen Lehrer studiert. Für den erwachsenen Testteilnehmer stehen einschlägige Ratgeber, Kurse und Seminare bereit, um ihn auf einen erfolgreichen Testablauf hin zu trimmen.
k Die einfachste Erklärung hat jedoch der kluge Entdecker selbst geliefert: „IQ-Tests messen nicht die Intelligenz", sagt er, „sie korrelieren eher schwach mit ihr. Das ist die Hypothese, die am besten zu den Ergebnissen paßt." Flynn war allerdings nicht der erste, dem das aufgefallen ist. Schon 1923 hat Edwin G. Boring, ein angesehener Harvard-Psychologe, erklärt: „Intelligenz ist das, was Intelligenztests testen." Dieser Zirkelschluß muß jeden Verfechter solcher Testverfahren verdrießen; abgeschreckt hat er noch keinen.
l Man könnte aus vielen Gründen glauben, daß die Konjunktur der Intelligenzmessung ihren Höhepunkt überschritten hat. Spätestens seitdem die Diskurshoheit auf die Gehirnforschung und die Kognitionswissenschaft übergegangen ist, macht die experimentelle Psychologie einen reichlich altbackenen Eindruck. Wie immer, wenn eine junge, übermütige Disziplin auf den Plan tritt, die ihren Vorgängern den Vogel zeigt, dürfen wir von ihren Vertretern neue Erkenntnisse und neue Irrtümer erhoffen. Aber der Kult, der mit den Tests getrieben wird, zeigt keine abnehmende Tendenz. Über fünfhundert Millionen solcher Prüfungen müssen Kinder und Erwachsene allein in den Vereinigten Staaten alljährlich über sich ergehen lassen. Ein riesiger Markt hat sich entwickelt, auf dem die Angst vor der Dummheit immer enormere Dummheiten hervorbringt.
m So bietet sich am Ende unserer kleinen Führung durch den Irrgarten der Intelligenz ein einfacher Schluß an: Wir sind eben nicht intelligent genug, um zu wissen, was Intelligenz ist.
In welchem Abschnitt …
16 … spricht der Autor von beispiellosen Fähigkeiten bei Menschen, die ansonsten gängigen Intelligenznormen nicht entsprechen?
17 … personifiziert der Autor die verschiedenen Aspekte von „Intelligenz"?
18 … äußert sich der Autor ironisch bis abschätzig über die gleichbleibende oder gar steigende Beliebtheit der Intelligenzmessung?
19 … legt der Autor dar, dass die zunehmend besseren Testergebnisse bei Intelligenztests nicht notwendigerweise für eine Zunahme der Intelligenz sprechen?
20 … erwähnt der Autor, dass Intelligenz nicht vorbehaltlos Achtung entgegengebracht wird?
21 … erwähnt der Autor einen ersten vergeblichen Versuch eines Forschers, in Tests u. a. den kulturellen Hintergrund von Probanden außen vor zu lassen?
22 … weist der Autor darauf hin, dass Psychologie Fragen nach dem Wesen der Intelligenz nur unzureichend beantworten kann?
23 … kritisiert der Autor, dass wir Intelligenz als ein Merkmal allein der menschlichen Art empfinden?
24 … wird gesagt, dass Intelligenz sich durch entsprechende Tests hieb- und stichfest messen lässt?
25 … zeigt der Autor anhand eines Beispiels, wie das Ergebnis eines Intelligenztests maßgeblich durch den kulturellen Hintergrund sowohl von Testenden als auch Getesteten beeinflusst wird?
