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Goethe - C2 - Lesen Teil 3 - Die Heimat kann man nicht vergessen

Lesen Sie die folgende Reportage, aus der Textabschnitte entfernt wurden. Setzen Sie die Abschnitte in den Text ein (17-22). Ein Textabschnitt passt nicht. Ein Abschnitt ist bereits als Beispiel eingefügt.

z Jürgen Engelmann steht am Abgrund. Seine Füße hat er fest in den sandigen Boden gedrückt. Mit der Hand an der Stirn schirmt er die Augen gegen die Sonne ab. Doch so angestrengt er auch schaut: Er sieht nichts. Nichts von dem, was hier einmal war. Er sieht keine Häuser, keine Straßen, keine Wälder. Er sieht keine Menschen, keine Tiere. Nichts von dem, was er bis heute seine Heimat nennt, ist übrig geblieben.

a Doch wo innerhalb weniger Jahre der neue Ort entstehen sollte, war zu Anfang der 1990er-Jahre nichts als eine grüne Wiese. Anstatt auf 1000 Hektar sollten die Kauscher nur noch auf zwölf Hektar leben. Es wuchs kein einziger Baum auf dem Gelände. Es gab keinen Platz für Tiere oder Ackerbau. Das neue Kausche würde mit dem alten nicht mehr viel zu tun haben. So viel war klar.

b Seit der Umsiedlung hat Kausche zum ersten Mal eine eigene Kirche, die Hoffnungskirche. Auf dem Fliesenbogen spiegeln sich die bunten Fenster. Sie zeigen verschiedene Heilungsszenen aus dem Leben Jesu. „Zu Weihnachten ist es hier immer rappelvoll", versichert Jürgen Engelmann. Die Kauscher teilen sich ihren Pastor mit mehreren anderen Gemeinden.

c Jürgen Engelmann fühlte sich in Kausche geborgen. Anfang der 1980er-Jahre hatte er sich am Ortsrand einen Bauernhof gekauft. Bis in den Wald waren es nur ein paar Schritte. „Ein richtiges Paradies", sagt Engelmann. Lange hat er nicht gebraucht, um sich einzuleben. Durch seine Arbeit als Leiter der örtlichen Brikettfabrik kannte er viele der Nachbarn. Er engagierte sich im Karnevalsverein und in der Kommunalpolitik. Dass die Bagger immer näher kamen, das wusste er. Das wussten alle Kauscher.

d Im Dezember 1993 unterschrieben alle Parteien den Kausche-Vertrag. Nur wenige Monate später rollten die Bagger an. Im neuen Kausche. Es entstanden 25 Mietshäuser mit 149 Wohnungen. 40 Familien bauten 33 Eigenheime. Insgesamt 21 Bäume durften die Kauscher damals aus dem alten Ort mitnehmen. An einem nebligen Novembertag im Jahr 1995 gruben die großen Maschinen die Pflanzen aus und fuhren sie in das neue Kausche.

e Im neuen Kausche ist vieles schön, doch es fehlt das Leben. Jürgen Engelmann würde jederzeit tauschen. Mit all denjenigen, die in den Dörfern leben können, in denen sie aufgewachsen sind. „Neu ist immer schön", sagt Engelmann. „Aber die anderen mussten ihre Heimat nicht hinter sich lassen." Zwei Jahrzehnte sind zu kurz, um dem Dorf eine Seele zu geben, um zu einer neuen Heimat zu werden. „Das alte Kausche ist meine Heimat", sagt Jürgen Engelmann. „Die kann man nicht so einfach vergessen."

f Zwei Jahre ließ sich das Land Brandenburg Zeit für die Entscheidung. Eine Zeit, die Jürgen Engelmann endlos vorkam. „Nicht zu wissen, woran man ist, das ist das Allerschlimmste", sagt er. Als Vorsitzender des Umsiedlungsausschusses diskutierte er oft bis in die späte Nacht hinein mit anderen Kauschern und Vertretern der Lausitzer Braunkohle AG (Laubag) - ohne zu wissen, was aus dem Ort werden würde.

g Seit dieser Tagebau in Welzow-Süd 1959 erschlossen wurde, waren die Kauscher darauf eingestellt, früher oder später ihre Häuser zu räumen. Die Nachbardörfer gab es bei der deutschen Wiedervereinigung schon lange nicht mehr. Viele ihrer Bewohner mussten - wie zu DDR-Zeiten üblich - in Plattenbausiedlungen an den Stadtrand von Cottbus oder Spremberg ziehen. Zusammengepfercht in winzige Wohnungen, nicht annähernd so groß wie die Häuser und Höfe, in denen sie vorher gewohnt hatten.

Die Heimat kann man nicht vergessen

Jürgen Engelmann lebt seit mehr als 30 Jahren in Kausche. Immer in der Wolkenberger Straße. Doch das alte Kausche gibt es nicht mehr. Dort, wo heute große Schaufelbagger im Tagebau Braunkohle abtragen, lag bis Mitte der 1990er-Jahre der 300-Seelen-Ort. Kausche musste, wie viele andere Dörfer auch, der Kohle weichen. Der Ort ist komplett umgezogen: mit Einwohnern, Friedhof und Bäumen.

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Es ist selten geworden, dass Jürgen Engelmann an den Tagebau Welzow-Süd zurückkehrt. Hier am Aussichtspunkt blickt er einhundert Meter in die Tiefe. Am Grund der Grube fressen sich Schaufelradbagger unbarmherzig in den dunklen Boden. Tonne um Tonne wird hier die Braunkohle abgebaut. Der Bodenschatz, der das Leben in der Niederlausitz seit Jahrhunderten bestimmt. Der den Menschen in der Region die Arbeit sichert. Der ihnen gleichzeitig aber auch die Heimat nimmt.

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Das passierte auch in Kausche, einem für die Region typischen Ort. Die Wege wurden von jahrhundertealten Bäumen gesäumt. Zweistöckige Häuser aus rotem Klinker standen an der Hauptverkehrsstraße. In großen Gärten wuchsen Kartoffeln, Tomaten oder Salat. Es gab Kühe, Schweine und Schafe. Die Dorfbewohner waren zur Wendezeit eine funktionierende Gemeinschaft. Man hielt zusammen, feuerte am Wochenende gemeinsam die Fußballer vom SG Kausche an, traf sich in der Gaststätte „Fuchsbau" und zog an Karneval durch das Dorf.

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Doch mit der Eingliederung in die Bundesrepublik war plötzlich alles ganz anders. Für viele Kauscher war die Wende ein Schock. Auch für Jürgen Engelmann. Von heute auf morgen wurde die Brikettfabrik geschlossen. Jürgen Engelmann war enttäuscht. Aber gleichzeitig war da noch ein anderes Gefühl. Ein Gefühl, das er über Jahre verdrängt hatte. Doch plötzlich war es wieder da: die Hoffnung. Denn die neue Regierung ließ prüfen, welche Tagebaue zukunftsfähig waren. Auch den Welzow-Süd.

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Vier Tage vor Weihnachten kam 1991 schließlich die Nachricht: Der Tagebau in Welzow-Süd bleibt, die rund 400 Kauscher müssen umziehen. Trotz der schlechten Nachricht hielt die Dorfgemeinschaft zusammen. Man wolle gemeinsam umsiedeln, beschlossen die Kauscher. Nicht etwa in eine jener Plattenbausiedlungen. Sondern an den Rand von Drebkau, in ein eigenes Neubaugebiet.

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Auch deswegen wollten die Kauscher ihre Umsiedlung selbst bestimmen. Wenn schon gehen, dann nur mit einer ordentlichen Entschädigung vom Staat. Jürgen Engelmann traf sich mit Ministerpräsident Manfred Stolpe, handelte die Bedingungen für den Umzug aus. Die Dorfbewohner sollten den Wert ihrer Häuser und Wohnungen eins zu eins ersetzt bekommen. Sie sollten den neuen Ort mitgestalten. Und: Sie sollten Arbeit bekommen.

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Es hängen viele Erinnerungen an diesen Bäumen. Zum Beispiel an der Dorflinde, gespendet aus dem Garten der Familie Schimma. Oder an dem stattlichen Ahorn, der schon neben Jürgen Engelmanns Bauernhaus gestanden hat. Aber viele andere liebgewonnene Gegenstände musste er zurücklassen. Viele Kauscher können nicht vergessen. Sie sind nie richtig angekommen im neuen Dorf.

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Die alte Identität, sie liegt irgendwo da draußen. Verschüttet zwischen dem Kohleflöz, den Baggern, den Förderbändern. In der Abenddämmerung schaut Jürgen Engelmann nachdenklich auf den Tagebau. Er selbst hat einmal von der Kohle gelebt. Und doch tut es unendlich weh hier zu stehen. An den Ort zurückzukehren, wo die Erinnerung plötzlich wieder lebendig wird. An den Bauernhof, die Wolkenberger Straße, die Heimat.

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