Nichts ist für Schwabo schlimmer, als der morgendliche Blick in den Spiegel. Als er vor einigen Jahren den Spiegel kaufte, war er stolz darauf, einen so riesigen Spiegel ergattert zu haben. Er hätte den Spiegel damals als supergünstig bezeichnet. Doch heute betrachtet er die Investition als furchtbarste Geldausgabe aller Zeiten! Seit einiger Zeit hasst er es abgrundtief sich selbst darin ansehen zu müssen:
Da ist die etwas zu dicke Nase, das um drei Millimeter zu kleine Kinn, die zu blonden Haare, die mattblauen Augen, die dunkelweißen Zähne, die kaum sichtbaren Augenbrauen, die zu wulstig geratenen Lachfalten um den Mund und von den Krähenfüßen, gleich neben den beiden Augen, wollen wir gar nicht erst sprechen.
Selbst der fehlende Backenzahn, den Schwabo einmal durch einen Raufbold im Kampf in früheren Tagen – den Grund dafür hat er schon längst vergessen – verloren hat, stört ihn gewaltig.
Objektiv gesehen, ist im Spiegelbild die Zahnlücke zwar nicht zu sehen, dennoch weiß Schwabo, dass sein Spiegelbild die Lücke im inneren des Mundes fühlt. Schwabo kann es sich selbst ansehen, dass etwas nicht stimmen kann. Immerhin muss doch jeder den riesigen Krater auf der Wange,
welcher mindestens einen halben Millimeter Umfang und Tiefe hat, erkennen! Schwabo ist total unglücklich darüber und blickt sich das Fiasko weiter an: Der Kehlkopf und die Füße zu groß, die Brust zu wenig muskulös, die Oberarme zu lang, die Unterarme zu breit, die Hände und der Po zu flach, die Finger zu dünn…
Ja, der Bauch – in Kombination mit der Hüfte – würde bestimmt den Rahmen der Geschichte sprengen, denn so vieles hat Schwabo alleine in dieser sogenannten Problemzone, an sich selbst auszusetzen.
Doch am schlimmsten ist es für Schwabo, dass die Haare überall dort besonders gerne sprießen, wo er sie am wenigsten haben möchte. Im Gegensatz dazu fehlen sie am Kopf! Das "dritte Knie", welches schön langsam aus dem Kopf wächst, wurde ihm schon mehrmals als Missbildung von seinen Freunden bestätigt. Alles hat Schwabo schon versucht, um die Situation der Problemzonen in den Griff zu bekommen: Bauchtraining, rasieren, kaschieren, Massagen, Baby Öl und andere Tuben, Cremchen und Döschen. Momentan spart er sogar eisern für eine Haarverpflanzung, um sein drittes Knie zukünftig besser zu verbergen.
Die bisherige Lösung – verschwinden durch Kopfbedeckung – befriedigt nur halbwegs, denn der dünne Haaransatz ist trotz allem gut im Spiegel zu sehen, wie auch jetzt wieder einmal:
"Du nun wieder!…", hört sich Schwabo laut und deutlich sagen, während er vertieft in seinen Gedanken sich im Spiegel seiner Selbst betrachtet und die mattblauen Augen fixiert. "…Kein Wunder, dass du niemanden abbekommst! Schau dich an, du bist so hässlich! So viel Rasierwasser kann niemand in der Früh schlucken, um dich schön zu trinken!"
Schwabo greift gedankenverloren zur Zahnbürste, drückt die weißer-in-3-Minuten-Zahnpasta drauf, dreht den Wasserhahn auf, lässt etwas Wasser drüber laufen und steckt sich die Bürste halbherzig in den Mund.
"…Für was putze ich dir überhaupt die Zähne?! Es bringt überhaupt nichts, außer vielleicht, dass die Zahnpasta-Industrie ein paar Euro mehr in der Tasche hat. Es ist absolut sinnlos!…", nuschelt Schwabo sich selbst an. "…Und die unzähligen Fläschchen und Tuben! Für was?! Was hast du dir dabei gedacht?!…", denkt er sich, währenddessen er wie wild an den Zähnen putzt.
Immer noch die Augen fixiert, dreht Schwabo den Wasserhahn erneut auf, spuckt – nach vorherigem, tiefen durchziehen der Nase – den Inhalt seines Mundes in das Waschbecken und hält den Mund unter den Hahn, um mit Hilfe des Wassers nachzuspülen.
Schwabo spuckt erneut und fixiert sofort seine Augen im Spiegel.
Nach einer Weile brüllt er sich selbst an: "Ich hasse dich, ich hasse dich abgrundtief!"
"Sag mal, spinnst du?!", entgegnet ihm sein Spiegelbild! Schwabo ist starr vor Schreck. Hat er sich das eingebildet?
Das Spiegelbild zwinkert mit dem rechten Auge: "Wieso bist du so hart zu dir selbst? Haben wir nicht viele tolle Stunden mit einander verbracht? Mit Menschen, die wir lieben? Mit Personen, die wir mit Wissen und Fähigkeiten beeindrucken konnten, die wir mit Witz und Charme unterhalten haben? Leute die Rat bei uns gesucht und auch gefunden haben?!"
Verdutzt hört Schwabo seinem Spiegelbild zu. Nach einer kurzen Pause hört er sein Spiegelbild wieder: "Komm, ich zeige dir etwas!"
Dort, wo wenige Augenblicke zuvor noch das Spiegelbild von Schwabo zu sehen war, war plötzlich eine Tür erschienen. Er ist sicher, dass dies eine Halluzination gewesen sein muss. Doch als er die Türklinke in die Hand nimmt – und sie auch spürt – fällt ihm auf, dass an der Tür ein kleines Schild angebracht ist.
Willkommen zu Hause!
Schwabo liest sich das Schild selbst laut vor. In kleineren Buchstaben, eine Zeile darunter, steht: Tritt ein, bring Glück herein!
Schwabo zögert.
"Worauf wartest du?…", spricht die Stimme des Spiegelbildes. "…Wovor fürchtest du dich?"
"Ich fürchte mich nicht!…", entgegnet Schwabo beinahe zornig. "…Wie um Himmels Willen soll ich Glück mit hineinbringen, wenn ich doch so hässlich und absolut unzufrieden bin! Alle starren mich ständig nur an!"
"Wenn du ein Buch liest, kritisierst du dies auch schon, bevor du es zu Ende gelesen hast?…", entgegnet die Stimme, "Lies weiter!"
Jetzt, da die Stimme es gesagt hat, fällt Schwabo auf, dass noch eine weitere, viel kleinere Zeile am Schild steht. Bevor er genau hingesehen hatte, hatte Schwabo gedacht, dass es eine Unterstreichung wäre: Falls du dein Glück noch nicht gefunden hast, bist du hier genau richtig!
Schwabo drückt mit geschlossenen Augen, etwas beschämt darüber nicht sofort alles wahrgenommen zu haben, die Klinke der Tür hinunter, um diese zu öffnen. Er tritt ein.
Schwabo öffnet die Augen und sieht einen schier unendlich langen und schmalen Gang. Links und rechts von ihm, weitere Türen, ähnlich wie in einem Bürogebäude oder einem Krankenhaus. An jeder Tür sieht Schwabo ein Schild. Selbst an jenen Türen, die unendlich weit weg zu sein scheinen.
Enthusiasmus, liest Schwabo an der ersten Türe rechts von ihm. Gespannt öffnet er die Tür.
Ein riesiger Raum, mit vielen Gegenständen aus der Vergangenheit, bietet sich seinem Anblick. Selbst jene, die er schon seit Ewigkeiten nicht mehr hat. "Sieh nur, hier drüben fließt der Fluss aus Elan, und dort, das strahlende Licht! Es ist die Quelle aller Anstrengungen! Siehst du wie es leuchtet? Und da, hinter dem Zaun, das ist das Tier der Aggression. Schau, wie brav es ist, es grast gerade von der Kraft der Ruhe!"
Schwabo ist schwer beeindruckt und kann sich kaum von dem lösen, was er sieht. Dennoch, es gibt so viele Räume zu entdecken. Er kehrt dem Enthusiasmus den Rücken zu und findet sich, wenige Augenblicke später, erneut auf dem schmalen Gang wieder.
Die nächste Türe links von ihm: Gerechtigkeit. Sogleich öffnet Schwabo die Tür.
Dieser Raum ist an der linken Wand schwarz und an der rechten Wand weiß. Dazwischen bildet ein Farbverlauf aus den beiden Farben die feinen Grauabstufungen. Genau in der Mitte des Raumes befindet sich eine Balkenwaage. Vor der Wage ist eine Kiste, in der Gewichte gelagert sind.
Schwabo sieht sich einige Zeit im Raum um.
"Erkläre mir bitte, wieso die Waage momentan so eindeutig zu Gunsten der schwarzen Farbe gewichtet ist.", fordert Schwabo die Stimme auf. "Ganz einfach. So lange du nicht gerecht zu dir selbst bist, wird die Waage zu Gunsten des schwarzen Bereiches zeigen. Erkenne, wie wichtig es ist, dich selbst zu lieben, dann wird der Ausgleich stattfinden."
"Aber wie könnte ich mich selbst lieben, so wie ich aussehe?", fragt Schwabo neugierig, die Stimme seiner Selbst.
"In dem du für dich erkennst, dass du ein liebenswerter Mensch bist. Dir begegnen Menschen, die dich so lieben möchten, wie du bist und da gehört dein Aussehen genau so dazu, wie dein Enthusiasmus!"
Schwabo kommt ins Grübeln: "Willst du damit sagen, dass wenn ich versuche zwanghaft mein Äußeres zu verändern, dass es passieren könnte, dass mich meine große Liebe genau deshalb nicht kennen lernen möchte, weil ich in dem Moment nicht so bin, wie ich bin?"
"Genau! Ab in den nächsten Raum!"
Schwabo öffnet so gleich die nächste Türe, auf der Freude steht. Doch hinter der Türe, ein schwarzer, kleiner Raum. Jede noch so kleine Toilette wäre größer, als sein Raum der Freude, gewesen.
"Oh Nein!…", brüllt Schwabo in die Dunkelheit, in der seine Worte ersticken, als ob er in Watte gerufen hätte. "… Was ist hier Passiert?! Da ist ja überhaupt nichts drin! … Sieh mal, der Raum schrumpft!! Wird er verschwinden? Was kann ich bloß tun?!"
"Die Bekämpfung der sogenannten Problemzonen hat so viel Zeit und Energie benötigt, dass du vergessen hast, dich über deine Erlebnisse zu freuen. Lerne schnell alles wahrzunehmen! Freue dich über die neu gewonnenen Erkenntnisse, beginne die Schönheit der Natur zu sehen. Fange alle Blicke, die deine Augen treffen, auf und beantworte diese mit einem Lächeln! Teile deine Erlebnisse und Erfahrungen mit deinem Umfeld und erinnere dich tagtäglich daran, wie schön und wichtig es ist, sich zu freuen!"
Die Gedanken kreisen in Schwabos Kopf. "Es funktioniert!…", ruft Schwabo erstaunt. "…Sieh mal! Der Raum wird größer. Er verändert sich: Bäche, Flüsse, Seen und Häuser. Schau, so viele Grashalme und Blumen. Hier, der Horizont! Wie schön, da ist die Sonne, und hier… Wälder! Riechst du wie es duftet?! So viele Menschen und alle lächeln sie zurück!! Siehst du das?!?"
"Endlich nimmst du es wahr! Meine Aufgabe ist hier erfüllt!"
Schwabo sah sich noch viele weitere Räume an: Unter anderem das Mußekabinett, die Ruhmeshalle, den Herausforderungskeller, den Freiheitsbalkon, das Harmoniezimmer, die Wissensbibliothek, das Interessensarchiv… Ja, selbst die Neigungskammer (und da gab es sehr viel für ihn zu entdecken) und natürlich viele, viele mehr…

7 Kommentare zu “TEXT: Der Spiegel”

  • Sag mir alles, was du denkst

    Sag mir alles, was du siehst

    (Henning Verlage / Der Graf)

    Wie man etwas für sich entdeckt, dass ihm seelisch nah ist? Das passiert eher zufällig. Genauso habe ich für mich die Band „Unheilig“ entdeckt. Die Entdeckung ist direkt mit dem Lied „Spiegelbild“ begonnen worden, wessen Zeilen fassen kurz dies zusammen, worüber der Autor des Werkes „ Spiegel“ so extensiv schreibt. Also, wir sehen so, wie wir denken - wir denken so, wie wir sehen.

    Bearbeitet am Donnerstag, 23. Juni 2022 08:22 von Oksana.
    • Interessant! Tausche mal das Wort "sehen" gegen das Wort "wahrnehmen" aus. Oft wird das Wort "sehen" als Synonym zu "wahrnehmen" genutzt.

      Bearbeitet am Donnerstag, 23. Juni 2022 10:57 von mein-deutschkurs.com - mit Johannes.
  • Danke für den Tipp. Wirklich ist es in dem Sinn ganz plausibel.

    In meinem Kommentar habe ich das Wort "sehen" präzise benutzt. Der Unterschied sehe ich in die Reihenfolge: Was du siehst (physisch)? Wie nimmst du das wahr (sinnlich)? Was denkst du daran?

    Wenn ich zurück zum Text komme, meiner Meinung nach, kann sich der Schwabo so ganz realistisch bewerten, obwohl mit dem „zu“ es scheint, wie Selbstwahrnehmung. Man kann sagen: Meine Haare sind zu kurz. "Zu kurz" im Vergleich zu etwas. Sehe ich, dass sie zu kurz sind, oder nehme ich es nur so wahr?

    Ich denke, obwohl der Schwabo sich realistisch bewertet, also sich selbst sieht: zu dicke Nase, zu blonde Haare, dunkelweißen Zähnen usw., liegt sein Problem darin, wie er sich selbst wahrnimmt.

    Das Werk finde ich vorbildlich für Menschen, die sich nicht wahrnehmen können, wie sie sind oder gerade ähnliche Momente erleben. Um sich anderes wahrzunehmen, brauchen sie entweder physische, oder psychische Veränderungen. Es bedeutet beispielsweise, dass man stinkt. Physisch – man geht sich duschen. Psychisch – man nimmt sich so wahr, wie man ist, und egal, was andere denken. Aber das spielt auch eine wichtige Rolle: wie kann man das ändern, weil nicht alles durch „die Dusche“ gelöst werden kann.

    Meiner Meinung nach ist das Werk eine schöne Mischung von der Realität und Fantasie, die ganz nah zu der Realität steht, und der Spiegel spielt die Rolle der Sich-Selbst-Umdeutung. Also, die psychische Veränderung, weil es so scheint, dass der Schwabo sich physisch nicht viel ändern kann.

    Bearbeitet am Donnerstag, 23. Juni 2022 16:45 von Oksana.
  • Interessant, zu welchem Gedankensprudeln nur eine Assoziation führen kann. In Kommentaren korrigiere ich nie. Aber manchmal diskutiere ich mit.

    Bearbeitet am Donnerstag, 23. Juni 2022 18:21 von mein-deutschkurs.com - mit Johannes.
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