Es war sehr dunkel und das weiche Licht, das den in schwarzen Stein gemauerten Raum in zarten Schimmer tauchte, flackerte und warf einen großen Schatten hinter den aus Ebenholz gefertigten Sarg.
Nur schwer waren die vier, in roten Roben gekleideten Wächter, zu erkennen. Tief über ihre Augen hatten sie die Kapuzen gezogen. Jeweils in der rechten Hand umklammerten sie Speere aus silbernem Material; sich nicht rührend, zum Sarg stehend.
Die Spitzen der Speere stießen oberhalb des Sargs zu einer Pyramide zusammen, als ob sie durch ihres Starre Tribut zollen wollten. Lediglich das schwere, synchrone, rhythmische Röcheln der Wächter war zu hören, als sich das steinerne Tor zum Raum beinahe lautlos öffnete und von außerhalb einen weiteren, viel intensiveren Lichtschein in den schwarz gemauerten Raum, in Richtung des Sarges, warf.
Erst jetzt war zu erkennen, dass die vier Wächter den Boden nicht berührten. Mit welligen Bewegungen am Saum der Roben schwebten die Wächter einige Zentimeter über dem kahlen, schwarzen Steinboden. Die Luft war dick, stickig und trüb, so, als ob die in Stein gemauerte Kammer schon seit einer Ewigkeit nicht mehr geöffnet worden wäre. Der üble Gestank drang tief in die Nase des Eindringlings.
"Weichet!…", befahl die tiefe, durchdringende Stimme des Eindringlings. "…Ich, Esop, befehle euch, den Wächtern des Elrep, die Grabstätte zu verlassen!"
"Du wagst es Anspruch zu erheben?…", entgegneten die Wächter, unterbrochen durch Röcheln, wie aus einem Munde. "…Anspruch auf das Vermächtnis des Elrep? Dem, den wir seit Elfhundert jahren Tribut für sein Vermächtnis zollen?"
"Ja! Das tue ich!"
"Was gibt dir das Recht, die Ruhe zu stören?"
"Es ist mein Recht! Ich bin Esop, der Nachkomme des Elrep. Mein Blut wird es euch beweisen!"
Esop zog einen langen, scharfen, metallenen Gegenstand aus der Tasche. "Zum Beweis meiner Herkunft!", rief er! Theatralisch hob er bei den Worten den Gegenstand mit der rechten Hand in die Höhe und schnitt mit einem Ruck in die Handfläche seiner linken Hand.
"Sprichst du die Wahrheit, lassen wir dich gewähren. Lügst du, bist du des Todes!", röchelten die Wächter als Antwort.
Eine Weile war es still.
"Tritt näher!", befahlen sie plötzlich.
"Ich habe keine Angst vor dem Tod!", sprach Esop und ging langsam in Richtung des Sarges.
Nachdem er die sieben Treppen empor gestiegen war, steckte dieser den scharfen Gegenstand zurück in den Beutel und legte seine blutende Handfläche auf den Sarg aus Ebenholz.
"Elrep! Mein Name ist Esop! Ich bin es, dein Nachkomme! Ich bin hier, um als rechtmäßiger Erbe dein Vermächtnis nach elfhundert Jahren entgegen zu nehmen."
Bedrohlich streckten die Wächter die Speere in Richtung von Esop, denn nichts geschah.
"Elrep! Dies ist mein und dein Blut, der Beweis meiner Nachkommenschaft. Erfülle dein Versprechen, die Weisheit an mich zu übertragen!"
Plötzlich füllte sich der Raum in gleißend hellem Licht.
"Er ist es! … Er ist würdig.", hörte man die Wächter flüstern. Es war nicht zu bestimmen, woher das Licht kam. Es blendete zu sehr.
Genau so schnell, wie das Licht aufgeleuchtet war, so schnell war es auch wieder verschwunden. Nur langsam gewöhnten sich die Augen von Esop an die Dunkelheit in der schwarz gemauerten Kammer. Die Wächter waren verschwunden. An ihrer Stelle standen plötzlich weiße Säulen aus Marmor. In jeder der Säulen waren in goldenen Lettern Worte eingraviert.
Auf der ersten Säule stand "Liebe", der Zweiten "Leben", der Dritten "Legat" und der Vierten "Lernen".
Auch der Sarg war verschwunden.
An Stelle des Sargs stand ein Spiegel, in dem sich Esop als jüngeres Selbst sehen konnte. Er betrachtete sich eine Weile. Plötzlich bemerkte Esop hinter seinem Spiegelbild den Ausgang der dunklen Kammer.
Entschlossen, in Zukunft fortwährend zu lieben, das Leben bewusst zu leben, das Legat zu beherzigen und zu ergänzen, und Neues zu lernen, sowie sein Wissen weiterzugeben, drehte sich Esop um. Er beließ sein jüngeres Selbst im Spiegel hinter sich und verließ die Kammer in Richtung Zukunft.

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