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Goethe - C2 - Lesen Teil 1 - Baumeister für Leuchttürme

Lesen Sie den folgenden Kommentar. Wählen Sie bei den Aufgaben 1-10 die richtige Lösung. Es gibt nur eine richtige Lösung.

Baumeister für Leuchttürme

Wer heute durch die Städte Europas fährt, der wird traurig. Vielleicht entsteht dieses Gefühl nicht in den inneren Zirkeln der Metropolen, deren Zentren immer noch begeistern können. Das Gefühl hoffnungsloser Traurigkeit entsteht in den unzähligen mittleren und kleineren Städten sowie in allen Vorstädten und Agglomerationen. Einst war jede Stadt ein eigener Kosmos mit eigener Ordnung. Einst formten die Bewohner einer jeden Stadt eine stolze Bürgerschaft - die ihr Selbstbewusstsein in städtischer Architektur zum Ausdruck brachte. Bis vor hundert Jahren wurden Städte als Kunstwerke gestaltet, in denen auch so profane Bauten wie Bahnhöfe oder Brücken eine ästhetische Bedeutung bekamen.

Heute ist die Stadt kein Kunstwerk mehr. Große Städte werden in der öffentlichen Wahrnehmung aufgeteilt: Zum einen gibt es die weiten Vorstadtbezirke, die meist unmittelbar hinter der historischen Bebauung aus den 1920er oder 1930er Jahren beginnen. Diese Bezirke sind gesichts- und identitätslos. Selbst in der Erinnerung der Passanten bleiben keine Bilder mehr. Die vorstädtischen Bereiche mit ihren Märkten, ihren fragmentarischen Bebauungen und den ausufernden Verkehrsflächen sind Teile der Stadt, die man schnell und möglichst bewusstlos durcheilt.

Zum anderen gibt es die glitzernden Zentren, die Touristen besuchen. Hier entsteht im besten Fall noch immer interessante, aufregende Architektur. In die Zentren werden bekannte Architekturbüros - meist immer dieselben - eingeladen, um aussagekräftige Häuser zu bauen. Die Architektur, die heute noch als Architektur beachtet wird, hat jedoch ein gemeinsames Kennzeichen: Sie ist singulär. Die neue Architektur bildet keine Stadtteile mehr, formt keine Städte. Nicht alle spektakulären Neubauten entstehen in den Zentren. Manche neuen Unternehmenszentralen entstehen auf der grünen Wiese, in der Nähe von Universitäten oder in ehemaligen Hafen- oder Industriequartieren. Doch diese einzigartigen Neubauten, die sich in den Köpfen der Betrachter einbrennen, bleiben einsame Leuchttürme in der Wüste. Sie stehen in keinerlei Bezug zu den Städten, zu den historisch geprägten urbanen Strukturen.

Doch wir sollten uns nicht lange an den Architekturinseln aufhalten. Das tatsächliche Bauvolumen der Städte besteht nur zum geringsten Teil aus den Vorzeigeprojekten. Das meiste Geld fließt in den Straßenbau, in Gewerbehallen, in Einkaufszentren und in immergleiche Wohnsiedlungen. Die vielen Millionen und Milliarden Euro, die in den Straßenbau investiert werden - von der Autobahn bis hin zu innerstädtischen Wohnstraßen - werden meist ohne jede Rücksicht auf ästhetische Belange verplant. Die These, dass eine gute Form der Funktion folge, von Architekten seit fast einem Jahrhundert verinnerlicht, wird im Straßen- und Gewerbebau ad absurdum geführt. Nie war eine Zweckerfüllung hässlicher als auf deutschen Schnellstraßen und in den angrenzenden Gewerbegebieten.

Auch die Einfamilienhaus-Siedlungen, die heute entstehen, sind bemerkenswert gleichförmig. Die Häuser müssen günstig sein und ein paar emotionale Chiffren bieten. Die meisten Neubauten erscheinen wie kleine Landhäuser - gebaut auf winzigen Grundstücken, ergänzt um Garagenkästen, im schlechtesten Fall direkt von der Betonindustrie auf die Grundstücke gestellt. Kann man diese Häuser noch Architektur nennen? Formen diese Häuser noch eine individuelle Stadt? Oder bilden die standardisierten Einfamilienhäuser nur noch den Rahmen für eine Gesellschaft, in der auch das Leben standardisiert ist?

Gibt es in der so skizzierten städtischen Welt ein Zurück zur Architektur? Drei Strategien lassen sich denken, um aus der Traurigkeit moderner Städte herauszukommen.

Die erste Strategie wäre die Annahme der Geschwindigkeit, der Schnelligkeit und auch der Beliebigkeit als formprägende Faktoren. Vermutlich muss man akzeptieren, dass der Weg zurück in frühere Jahrhunderte zu einer bedeutungstragenden und sinnstiftenden Architektur im 21. Jahrhundert nun verstellt ist. Architekten können heute keine Bauten wie beispielsweise das Bremer Rathaus schaffen, das über Jahrhunderte ein Symbol der Bürgerschaft war und ist. Architektur ist heute beliebig, wird oftmals auch schon nach wenigen Jahren durch Neubauten ersetzt, wie es in stark boomenden Zentren weltweit schon ablesbar ist. Die Halbwertzeit von Architektur verkürzt sich jedes Jahr weiter.

Die zweite hier zu skizzierende Architekturstrategie betrifft den Umgang mit der alten Stadt. Die alte Stadt ist ein Reservoir von bedeutungstragender Architektur. Hier gibt es noch Bauten, an deren Fassaden man ganze Epochen ablesen kann. Die alte Stadt ist noch immer ein vielstimmiges Kunstwerk, das aber meist ganz von der Vergangenheit erzählt. Jeder Neubau, der in diesem Kontext entsteht, zerstört einen Teil der Geschichten. Jede Glasfassade, die neben die historischen Bauten gestellt wird, bringt die alte Stadt mehr und mehr zum Verstummen. Um die Geschichten der alten Städte nicht zu stören, ja, um sie noch besser verstehbar zu machen, sollten die Neubauten alte Strukturen wiederaufnehmen. Beispielsweise könnte jeder Neubau, der in altstädtischen, aber auch in den vorstädtischen Bereichen entsteht, historische Fragmente der vorhergehenden Bebauung aufnehmen wie Signaturen einer anderen Zeit.

Mit der neuen, gläsernen Architektur, egal ob der Moderne oder der Postmoderne zugehörig, lassen sich keine Geschichten mehr erzählen. Die heutige, zeitgenössische Architektur gibt uns nur schöne Bilder, gibt uns nur Effekte. Akzeptieren wir also die Teilung der Stadt. Im Zentrum erleben wir den Ort, der Geschichten erzählt, der nicht zuletzt Identität generiert. In den umgebenden Agglomerationen hingegen hat eine neue, radikale Architektur alle Freiheiten, die endlich genutzt werden sollten. Hier kann Architektur Spaß machen, hier dürfen Farben und Formen wieder zum Einsatz kommen.

Und die Einfamilienhäuser in den Vorstädten? Zukünftige Generationen werden überlegen, ob sie noch in den Siedlungen, die schon Alfred Mitscherlich 1965 in „Die Unwirtlichkeit unserer Städte" kritisierte, wohnen wollen. Die narrativen Altstädte oder die bunten Industriegebiete mit ihren Hafenstandorten mögen viel interessanter sein als die geordneten und gleichförmigen Vorstädte.

Doch die Einfamilienhäuser bieten eine Chance. In ihnen können Bauherren individuelle Wohnformen probieren. Manche wollen vielleicht in falunroten schwedischen Holzhäusern leben, andere in einer amerikanischen Ranch. Es macht keinen Sinn, diese Bedürfnisse über Bauordnungen zu unterbinden. Oftmals werden den Bauherren Dachneigung und Dachfarbe, die Farbigkeit der Fassaden und manchmal sogar die Bepflanzung des Gartens vorgeschrieben. Man bekommt den Eindruck, dass Planungsämter die Ordnung der Stadt in den Einfamilienhausbezirken retten wollen, nachdem sie jeden Einfluss in den Innenstädten verloren haben. Diese Logik sollte gedreht werden. Vor allem in den Altstädten sollten alle Bauvorhaben kritisch untersucht und reglementiert, und nicht potentiellen Investoren jeder Wunsch genehmigt werden. In den Altstädten droht mit jedem Neubau eine Gefahr für die Substanz, die Identität und die Funktion der alten Stadt. In den vorstädtischen Einfamilienhaussiedlungen hingegen sollte man dem Bürger die Freiheit lassen, Architektur selbst zu erfinden.

1 Kennzeichnend für die Vorstadtbezirke ist nach Meinung des Autors, dass …

2 Für den Autor sind die herausragenden Neubauten …

3 Der Autor meint hinsichtlich des Großteils der städtischen Baumaßnahmen, dass …

4 Bei heutigen Einfamilienhaus-Siedlungen denkt der Autor, dass …

5 Eine Strategie gegen die Traurigkeit der Städte bestünde darin anzuerkennen, dass …

6 Zur Wahrung der alten Stadt sollten nach Ansicht des Autors …

7 Moderne Architekturformen sollten laut Autor …

8 In Bezug auf die künftige Entwicklung schließt sich der Autor der Meinung an, dass …

9 Eine Perspektive für die Einfamilienhäuser sieht der Autor, wenn …

10 Von den Planungsämtern verlangt der Autor, …

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