Sie finden unten einen Lesetext. Dieser Text hat fünf Lücken (Aufgaben 13-17). Setzen Sie aus der Satzliste (A-G) den richtigen Satz für jede Lücke ein. Zwei Sätze bleiben übrig.
A Dann kommen Jugendliche häufig in moralische Konflikte mit der real existierenden Welt.
B Aber, und hier ist die Botschaft: Bleiben Sie ruhig! Verzweifeln Sie nicht!
C Und zwar auch und gerade dann, wenn Kinder unter sich sind.
D Dieser Prozess, sagen die Experten, beginnt früher, und er verläuft anders, als lange vermutet wurde.
E Dann aber müssten Schulhöfe und Spielplätze von rücksichtslosen Egoisten bevölkert sein oder von Wesen, die nur Angst vor Strafe kennen.
F Während Erwachsene in vergleichbaren Spielexperimenten im Durchschnitt 70 Prozent des „Vermögens" für sich behielten, verfuhren die Kinder und Jugendlichen mehrheitlich nach dem Prinzip „halbe-halbe".
G Man lacht nicht über Verlierer!
Fairness lernen
Zunächst eine wichtige Botschaft an alle Eltern, die täglich mit ihren sich streitenden und meckernden Kindern klarkommen müssen. Schon Fünfjährige stellen Puddingschalen auf die Küchenwaage, damit kein Familienmitglied auch nur ein Gramm zu viel oder zu wenig bekommt. (0) Geschwister legen ganze Sonntagnachmittage mit der Frage lahm, wer als Nächster wie viele Löffel in die Spülmaschine einsortieren muss. Große Brüder werden beim Anblick zerstörter Sandburgen nur mühsam von gewalttätigen Racheakten abgehalten. Pubertierende wehren jede Bitte ab, doch endlich ihr Zimmer aufzuräumen, mit einem Hinweis auf die UN-Kinderrechtskonvention - welche, in Artikel 29, die volle Entfaltung der Persönlichkeit garantiert.
Jeder wird die Eltern verstehen, die in solchen Momenten am liebsten gegen Artikel 19 der UN-Konvention verstoßen würden - das Recht auf eine gewaltfreie Erziehung. (13) Denn Ihre Kinder sind auf dem besten Wege, gerechte, integre Menschen zu werden.
Dass Kinder schon früh einen Sinn für Gerechtigkeit entwickeln, ist vielleicht etwas übertrieben. Aber es entspricht dem, was Wissenschaftler in den vergangenen Jahren über die Entwicklung des moralischen Denkens bei Kindern und Jugendlichen herausgefunden haben. (14)
„Kinder" und „Moral" - für viele Menschen ist das ein gegensätzliches Begriffspaar. Hier die kleinen Anarchisten, die ohne Rücksicht auf fremde Gefühle und Interessen ihren Welterkundungsdrang ausleben; dort die Erziehungsberechtigten, die sich täglich aufs Neue mühen, durch Mahnen, Strafen und Erklären ein Bewusstsein für Recht und Unrecht in den Kindsköpfen zu verankern: Das ist die normale Vorstellung von Moralerziehung.
Doch jeder, der häufiger mit Kindern zu tun hat, weiß, dass dies nicht stimmt. Gerechtigkeit und Fairness sind vielmehr Grundwerte, mit denen man sich vom frühesten Alter an ausdauernd und leidenschaftlich überall auseinandersetzt - auf dem Schulhof, am Frühstückstisch, sogar in der Sandkiste. (15)
Kinder zeigen einen gesunden Selbstbehauptungswillen in Form von Forderungen, Befehlen oder sogar Beschimpfungen. Andererseits verraten sie aber schon einige fundamentale soziale und moralische Einsichten. Dass es, zumindest unter Freunden, einen Grundanspruch auf Gleichbehandlung gibt. Dass, wer seine Interessen gegen andere durchsetzen will, dies begründen muss - wie auch immer. Dass Spiele nur funktionieren, wenn jeder sich an vereinbarte Regeln hält. Und dass es Regeln und Gesetze gibt, die nicht nur im Spiel gelten, sondern im Leben allgemein. Nicht hauen! Nicht klauen! Versprechen halten! Gerecht teilen! Zwei gegen einen ist feige! Petzen ist doof! (16) Die Gesetze der Kinderwelt sind klar und streng. Sie werden nicht nur ernst, sondern oft sogar wortwörtlich genommen.
Bei einem Experiment am Max Planck Institut in Berlin legten die Kinder eine überraschende Großzügigkeit an den Tag. (17) Und das, obwohl kein Pädagoge im Hintergrund Entscheidungshilfe leistete.
Die traditionelle Moralforschung führt die Bereitschaft zu gerechtem Handeln vor allem auf Einsichten zurück, die ein Mensch über sich und die Beziehungen zu anderen gewinnt. Davon geht zum Beispiel auch das berühmte Stufenmodell aus, das der US-amerikanische Pädagoge und Psychologe Lawrence Kohlberg Ende der 1950er Jahre aufgestellt hat. Es beschreibt moralische Entwicklung als einen Erkenntnisprozess, der sich in festen, unabänderlichen Schritten vollzieht.
