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ÖSD Zertifikat C1 - Lesen Aufgabe 1 - Die Diktatur der Uhr

Lesen Sie zuerst den folgenden Text und lösen Sie dann die 5 Aufgaben.

Die Diktatur der Uhr

Noch nie haben die Extreme von Zeitnot und Langeweile das Leben so stark geprägt wie in unserer beschleunigten Gesellschaft. Wie viel Tempo verträgt der Mensch?

In Deutschland häufen sich die Symptome einer Zeit-Krise. Jeder zweite Erwerbstätige klagt über wachsende Zeitnot. Mit der Flexibilisierung der Arbeit vollzieht sich ein neuer historischer Schritt. Die Zahl der Berufstätigen mit normalen Arbeitszeiten sinkt, stattdessen gibt es immer mehr Teilzeitkräfte, Selbstständige und Vielarbeiter. Mehr Menschen als früher arbeiten heute nachts, und jeder Dritte ist auch am Samstag beschäftigt.

Früher erstreckte sich die Lebenswelt kaum über das eigene Dorf hinaus - heute ist die Welt zum Dorf geworden. Medien, Internet, Waren und Tourismus haben sie in unsere Reichweite gebracht - und damit all ihre Möglichkeiten und Verheißungen. Trendforscher haben „Zeit und Aufmerksamkeit" zu den zentralen Marktkriterien der Zukunft erklärt. Um diese knappen Ressourcen konkurrieren nun also Warenwelt und Freizeitindustrie, Beruf und Familie. Allen Ansprüchen - ob denen anderer oder unseren eigenen - können wir unmöglich gerecht werden. Unweigerlich hinken wir hinterher, kommen zu spät, versäumen.

Während unsere Lebenserwartung stetig steigt, erweisen sich Ziele und Verbindlichkeiten als immer kurzlebiger - ob Partnerschaft, Arbeitsplatz oder Rente. „Die Zeitwahrnehmung hat ihre Zukunftsorientierung verloren und betont nun Diskontinuitäten und Unsicherheiten", sagt der Soziologe Hanns-Georg Brose.

Wo nicht mehr alles zu seiner Zeit, sondern immer mehr zugleich geschieht, wird Zeitmanagement zu einem permanenten Balanceakt. Unerwartetes kollidiert mit Plänen, Dringliches mit Prioritäten, Arbeit mit Privatem. So versucht der Mensch, der mit der Zeit geht, seinen persönlichen Zeiteinsatz zu optimieren wie den der Maschinen, wenn nötig auch auf Kosten eigener Bedürfnisse: Wir schlafen im Durchschnitt eine halbe Stunde weniger als noch vor 20 Jahren, schlucken immer mehr Grippemittel, Wachmacher und Antidepressiva. Der flexible Mensch ist immer auf „Stand-by" - allzeit bereit. Um Zeit zu gewinnen, macht er weniger Pausen, erledigt nicht mehr eins nach dem anderen, sondern vieles zugleich: mailen, simsen, essen, telefonieren, das Kind stillen. Die Mehrfachtätigkeit ist zum Epochenmerkmal geworden.

Der Versuch, mehrere Dinge gleichzeitig zu bewältigen, scheitert allerdings an unserer begrenzt verfügbaren Aufmerksamkeit. Durch einen allzu raschen Wechsel bleibt nicht nur weniger im Gedächtnis hängen, es geht auch Zeit verloren. Eine amerikanische Studie hat ergeben, dass der Versuch, einen Bericht zu schreiben und zwischendurch immer wieder E-Mails zu beantworten, 50 Prozent länger dauert, als beides nacheinander zu erledigen. Der Dauerbetrieb behindert außerdem einen kreativen Prozess: Erst wenn wir eine Pause einlegen, uns abwenden von der Welt, uns uns selbst überlassen, führt das Gehirn Probehandlungen aus, vernetzt sich, stellt Neues zusammen. Dann kommt es vielleicht zu einem unerwarteten Geistesblitz.

Das allerdings setzt Geduld voraus. Aber warten? Eine Stunde, ohne etwas Bestimmtes zu tun? Für viele eine quälende Vorstellung, vergeudete Zeit, Stillstand. Sofort suchen sie nach neuer Beschäftigung und setzen damit die Zeit wieder in Bewegung: surfen, chatten, spielen, fernsehen. Doch ausgerechnet der ständige Versuch, sie zu vertreiben, vermehrt die Langeweile - das „Langeweile-Paradox". Durch Medien, Events und den Konsum von Gütern ist ständig etwas los, überall wird Vergnügen und Außergewöhnliches geboten. Das Gegenteil fällt dann natürlich umso mehr auf. Und wenn man überall Neues findet, wird man des Alten schnell überdrüssig.

So überträgt sich die Steigerungslogik der Wirtschaft auch auf die persönliche Glückssuche. Und sogar auf unsere Sinneswahrnehmung: Was früher als Lärm galt, wird von Jüngeren nur noch als laut empfunden; was einst rasante Filmmontage war, ist heute Nachrichtenformat. Nur noch starke Stimuli kommen an, weil das Gehirn die Reizschwellen heraufgesetzt hat. Die Vertreibung der Langeweile beginnt schon im Kindesalter.

Es gibt aber bereits eine Gegenbewegung, eine Suche nach einem anderen Verhältnis zur Zeit: Rück-Besinnung auf traditionelle Werte, Entschleunigung statt „Turbo-Kapitalismus". Bestseller wie Simplify your Life, Anleitung zum Müßiggang oder die Entdeckung der Faulheit verdrängen Ratgeber für ein erfolgreiches Zeitmanagement. Ihre Leser suchen Klarheit und Sinn statt einer noch effizienteren Terminplanung.

Der Medienwissenschaftler Peter Glotz sieht darin Vorboten eines „Paradigmas der Langsamkeit": Nachdenklichkeit statt Geschwindigkeit, Bescheidenheit statt Gewinnsucht, Familienorientierung statt Leistungswettbewerb. Formuliert würden die neuen Ziele von einer wachsenden Zahl arbeitsloser oder ausgestiegener Akademiker, denen sich auch die klassische Unterschicht anschließen werde. Auf der anderen Seite stünden jene, die schnell, mobil und flexibel lebten - die immer mehr Geld, aber immer weniger Zeit hätten. Zwischen diesen beiden Polen der beschleunigten Gesellschaft drohe, so Glotz, eine Spaltung: „Die früheren Industriegesellschaften werden vorübergehend durch heftige Kulturkämpfe zwischen Be- und Entschleunigern erschüttert."

[aus einer deutschen Fachzeitschrift]

Beispiel Durch die Flexibilisierung der Arbeit → gibt es immer weniger Menschen mit normalen Arbeitszeiten.

1 Die Veränderungen der heutigen Lebenswelt

2 Die Zeiteinteilung wird schwieriger, weil die Menschen

3 Mehrere Dinge gleichzeitig zu tun

4 Langeweile entsteht dann, wenn

5 Die neue Besinnung auf die Langsamkeit

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