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Ferienarbeit, Nebenjobs, Berufspraktika: Wie viel Arbeit brauchen Schüler?
„Jeden Tag in den Betrieb gehen - das stelle ich mir total ätzend vor", antworten viele Teenager auf die Frage nach ihren Vorstellungen von der Berufswelt ihrer Eltern. Eltern wiederum tun derartige Einstellungen als „Herumlungern" oder „Arbeitsallergie" ab. Statt zu arbeiten, würden Jugendliche lieber vor dem Computer sitzen oder mit Freunden „chillen" und ließen sich so wichtige Chancen entgehen. Doch Pädagogen wissen, dass es oft auch an den vagen Berufsvorstellungen von Jugendlichen liegt. Wie sollte es in diesem Alter auch anders sein? Alles Wissen aus diesem Lebensbereich stammt aus zweiter Hand: von Eltern, Lehrern, aus den Medien. Deshalb raten die meisten Experten zu sorgfältig ausgesuchten frühen Berufserfahrungen. Viele Schulen schreiben ein mehrwöchiges Berufspraktikum vor. Natürlich steht bei den meisten Schülern das Aufbessern des Taschengelds im Vordergrund. Aber zumindest als Nebeneffekt werden auch erste Berufserfahrungen gesammelt und der Lebenslauf für spätere Bewerbungen angereichert.
Für die fünfzehnjährige Anna Voss war ihr Kommunikationstechnik-Praktikum ein lehrreicher Realitätscheck, bei dem sie die Schattenseiten ihres bisherigen Traumberufs kennenlernte und sich dementsprechend umorientierte. Je früher Schüler sich über ihre Interessen im Klaren sind, desto besser können sie beispielsweise ihre Leistungskurse ausrichten. Das Praktikum kann wiederum ein Anreiz sein, sich in der Schule mehr anzustrengen: „Die Lehrer erkannten ihre Schüler gar nicht mehr wieder, so motiviert gingen sie zu Werke", schwärmt die Krankenhaus-Pflegedirektorin Marianne Geiger über ehemalige Praktikanten.
Auch für Betriebe sind Ferienjobs vorteilhaft, gerade wenn viele Beschäftigte auf Sommerurlaub gehen. Doch Ferienbeschäftigungen sind längst nicht mehr bloße Lückenfüller, um personalschwache Sommermonate kostengünstig zu überbrücken, sondern „oft eine Vorstufe zu einer Ausbildung oder einem Arbeitsverhältnis", erklärt Personalvorstand Wilfried Porth. Talentierte junge Leute werden so als potentielle Mitarbeiter und Fachkräfte getestet. Der Anteil der Neueinsteiger, die zuvor ein Praktikum in der gleichen Firma absolvierten, steigt seit Jahren an. Porsche etwa rekrutiert zwischen 70 und 80 Prozent des akademischen Nachwuchses unter ehemaligen Praktikanten.
Doch Praktika gleichen nicht selten einem Lotteriespiel, in dem es reiner Zufall ist, ob jemand den Tag über gammelt oder die Tätigkeit so anregend ist, dass die Jugendlichen schon bald von „unserer Firma" oder „meinem Hotel" sprechen. Häufig suchen Firmen billige Aushilfen, für aufwendiges Anlernen bleibt keine Zeit. Siemens zum Beispiel stellt mit Verweis auf die spezialisierten Maschinen des Unternehmens keine Schüler ein. Auch bei Subway heißt es, die Einarbeitungsphase lohne sich für Schüler nicht. Unten anfangen - etwa im Supermarkt Regale einräumen - ist jedoch nur dann sinnvoll, wenn man dabei auch ausbaufähige Einblicke in wirtschaftliche und soziale Abläufe gewinnt. Viele fühlen sich zudem erniedrigt, wenn die zugeteilten Aufgaben kaum der eigenen Schul- und Berufsausbildung entsprechen.
Dennoch kommt es manchmal vor, dass Jugendliche mit Scheinarbeiten „ruhiggestellt werden" und Verantwortliche überlegen, „was sie den Praktikanten denn heute zum Spielen geben" - mit dem enttäuschenden Ergebnis, dass Praktikanten für nicht viel mehr als das Bedienen der Kopier- oder Kaffeemaschine zuständig sind. Vor diesem Hintergrund raten einige Lehrer sogar von Praktika ab. Denn dass Schüler dabei Einblick in die Arbeits- und Wirtschaftswelt bekommen, sei zwar wünschenswert, aber nicht immer der Fall.
Auch sollten Jugendliche nicht überstrapaziert werden. Frühmorgens, wenn ihre Mitschüler noch schlafen, klappert Lena Pichler die Briefkästen in ihrem Stadtteil ab. Zeitungen auszutragen füllt zwar das Portemonnaie der Achtzehnjährigen, leert aber ihren Energiespeicher. „Ich musste wegen des Nebenjobs die zehnte Klasse wiederholen", bedauert sie. Wie Lena verdient sich fast die Hälfte der Schüler in Deutschland mit Nebenjobs etwas dazu, vor allem durch einfache Aktivitäten wie Rasenmähen oder Babysitten, aber auch als Nachhilfelehrer oder Praxishilfe. Das bringt zwar Geld und Selbstvertrauen, kann jedoch zur Vernachlässigung der Schule, zu schlechteren Noten und schließlich schlechteren Karriereaussichten führen. Der Psychologe Thomas von Eisenhart Rothe rät Eltern, darauf zu achten, die Arbeitszeit von Schülern auf drei bis vier Stunden wöchentlich oder auf die Ferien zu beschränken. Andernfalls könnten nicht nur Stress, sondern auch ernsthafte psychische Probleme wie Aggressivität, Verhaltensstörungen und sogar Depression auftreten. „Auch in den Ferien muss es genügend Zeit zum Ausruhen geben", sagt der Psychologe.
Viele dieser Nachteile von Nebenjobs, Ferienarbeit und Berufspraktika bestehen in der Tat. Wer aber allzu leichtfertig deren Unvollkommenheiten in den Vordergrund stellt, vergisst die Bedeutung praktischer Erfahrung, die kein noch so intensiver und guter Unterricht ersetzen kann. Deshalb müssten wirtschaftliche und politische Entscheidungsträger sich bemühen, nicht nur genügend, sondern vor allem interessante Praktikumsplätze bereitzustellen, denn es kommt niemandem zugute, wenn sich Jugend- und Berufswelt immer weiter voneinander entfernen.
[aus einer deutschen Zeitung]
Beispiel Eltern werfen Teenagern oft vor, dass sie → aus Bequemlichkeit bedeutende Entwicklungsmöglichkeiten verpassen.
1 Praktika helfen Jugendlichen
2 Firmen sind an Praktikanten interessiert, weil
3 Problematisch ist bei vielen Praktika, dass
4 Es können psychische Probleme entstehen, wenn Jugendliche
5 Angesichts der Mängel von Nebenjobs und Praktika
